zur Navigation Inhalt überspringen Tandemfreizeit Holland (Schloß Wysherd in Berg en Dal) - 12. bis 22. August 1987

Zur Tandemfreizeit fallen uns spontan ein: liebe Freunde, wertvolle zwischenmenschliche Beziehungen, eindrucksvolle Erlebnisse, Riesenspaß, Nordseeküste, Windmühlen, schweißtreibende Bergetappen (und das in Holland!), an Wassermangel leidende Duschen, köstliche und ausreichende Mahlzeiten, heitere und besinnliche Gespräche bis spät in die Nacht ...

In den Abendstunden des 12. August fanden sich im Salzburger Hauptbahnhof 11 blinde Teilnehmer und 15 sehende Begleiter der diesjährigen Tandemfreizeit ein. Viele kannten einander schon von anderen Freizeiten, aber auch die "Neulinge" wurden gleich in die herzliche Atmosphäre einbezogen. Von diesem Zeitpunkt an waren wir Blinde aller Sorgen und Probleme enthoben, die sich für uns normalerweise auf einer Reise ohne sehende Begleiter ergeben. Im Liegewagen ging es von Salzburg nach Köln. Jetzt wurde es gemütlich, denn die Gruppen (und Abteile) waren klein und auch für Blinde "überschaubar", und man konnte einander rasch näher kennenlernen. Nach ein paar Stunden mehr oder weniger tiefen Schlafes (unabhängig vom jeweiligen Liegeplatz) bestiegen wir morgens in Köln den Zug nach Kranenburg, das dicht an der niederländischen Grenze liegt. Dort erwarteten uns schon die holländischen Organisatoren der Tandemfreizeit, Jan van Raay und Frans Huys, mit einem Bus. Inzwischen waren noch fünf tandembegeisterte Blinde aus Berlin, Stuttgart und Dortmund zu uns gestoßen. Wir passierten die deutsch-niederländische Grenze und erreichten schon bald darauf unser endgültiges Ziel: Schloß Wysherd in Berg en Dal (etwa 3 km von Nijmegen entfernt).

Nach unserer Ankunft im Schloß, das während der Tandemwoche ausschließlich unserer Gruppe zur Verfügung stand, versammelten wir uns im Speisesaal, wo wir bewirtet wurden und das holländische Team mit Jan van Raay, Frans Huys (= Holland-Franz), dessen Kinder Marcel und Marion, sowie Marja und (erst später) Esther kennenlernten.
Nach der Zimmereinteilung - es standen mehrere Schlafräume mit Stockbetten zur Verfügung - machten uns unsere sehenden Begleiter mit den räumlichen Gegebenheiten vertraut.

Für den Nachmittag war die erste Tandemfahrt angesetzt. Nachdem jeder Blinde einen sehenden "Piloten" gefunden hatte, wurden die zum Großteil recht guten Tandems (von zwei Behinderteninstitutionen entliehen) bestiegen, und man drehte die ersten Runden. Dabei konnte man sowohl die Tandems, als auch seinen Partner testen. Auch wenn so mancher erstmals auf dem Vorder- bzw. Rücksitz eines Tandems saß, marschierte - radelte man bald im "Gleichtritt". Nach einigen Proberunden schwärmten etwa 20 Tandems in die nähere Umgebung aus, zunächst in Richtung "Dal" (Tal).

Umgeben von Wäldern liegt Berg en Dal, wie der Name schon aussagt, in einem hügeligen Gelände. Da solche "Gebirge" für Holland atypisch sind, wird das Gebiet auch als "holländische Schweiz" bezeichnet. So mußten wir als Abschluß unserer täglichen Tandemtouren eine "Bergwertung" bestreiten, was manche als willkommenen Konditionstest auffaßten, andere jedoch als Leidensweg empfanden, besonders dann, wenn der gewünschte Gang - seinem Namen zum Trotz - nicht "ging".

Am Freitag radelten wir zum Maas-Waal-Kanal. Neben einigen anderen Schiffen konnten wir einen echten Raddampfer, die "Mississippi Queen" bewundern, bzw. hören. Auf dem Heimweg wartete die einzige größere Schwierigkeit dieser Tour auf uns. Der letzte Abschnitt war ziemlich steil, sodaß alle von ihrem "hohen Roß" herunter und schieben mußten. Nach dem Abendessen blieben wir im Speisesaal noch etwas zusammen und jeder stellte sich kurz vor.

"Querfeldein" - So könnte man das bezeichnen, was am Samstag auf uns wartete. Sehr bald schon verließen wir die ach so bequeme Asphaltstraße, um in unwegsamem Gelände Tandems und Besatzungen einer harten Prüfung zu unterziehen. Die Strecke war mit Schwierigkeiten gespickt, und die vielen "Dreitausender" brachten so manches Tandem zum Stehen. Wir kamen auch an einem Segelflugplatz vorbei, wo wir ein Segelflugzeug ganz genau mit unseren Händen anschauen konnten. Etwas später führte uns unser Weg auch an einer Motorcross-Strecke vorbei. Auch dort machten wir eine Pause.

Am Sonntag vormittag feierten wir in der katholischen Kirche in Berg en Dal die Heilige Messe und besichtigten anschließend mit unseren Begleitern diesen modernen Sakralbau. Hierauf nahmen wir ein reichhaltiges Mittagessen ein, das, wie immer, von unserem Koch schmackhaft zubereitet worden war. Am Nachmittag unternahmen wir eine eher lockere Tandemtour nach Kranenburg.

Der Montag brachte uns das, worauf sich einige von uns vielleicht am meisten gefreut hatten: den Ausflug ans Meer, nach Zandvoort! In Zandvoort angekommen, strebten einige von uns - wie die Lemminge gleich dem Meer zu. Andere ließen sich im Sand nieder und machten es sich dort gemütlich. Die Wassertemperatur betrug angeblich nur 16 °C; trotzdem wagten wir uns hinein und hatten viel Spaß. Als wir spät am Abend nach Hause kamen, regnete es leicht.

Am Dienstag weckte uns zur Abwechslung nicht Sonnenschein, sondern Regen. Deswegen fuhren wir erst am Nachmittag über Groesbeek zur Augustin Stichting (Behinderteninstitut) in der Nähe von Gennep. Über die sieben Hügel schwitzten wir nach Berg en Dal zurück. Der Abend brachte Blasmusik und Tanz mit offiziellem Schluß um 23 Uhr. Privat wurde, wie in den übrigen Nächten, in Kleingruppen auch später noch erzählt, diskutiert, gespielt, geblödelt oder Musik gehört. Manchmal griff der "Feichtl" (Franz Kirnbauer) gekonnt in die Saiten seiner Gitarre.

Alle Ausflüge wurden vom Holland-Franz sorgfältig geplant und geleitet. Am Mittwoch sollte die längste Tour der Woche steigen. Zunächst radelten wir über Groesbeek in Richtung Gennep. Zu Mittag aßen wir in einer neu eröffneten Autobahn-Raststätte, wo es alles gab, was das Herz (und der Magen) begehrte. Um 15 Uhr lauschten wir dem Glockenspiel von Gennep, einer Stadt, deren Zentrum heute noch mittelalterlich geprägt ist. Auf dem Heimweg spaltete sich die Gruppe unfreiwillig. Trotzdem kamen alle wohlbehalten im Schloß an. An diesem Tag hatten wir rund 60 km heruntergestrampelt.

Für den Donnerstag war ein Einkaufsbummel in der nahegelegenen Stadt Nijmegen geplant. Die meisten legten die 3 km zu Fuß zurück. Einige Unentwegte zogen es aber vor zu "fizzen". Daß aus den 3 km rund 40 km werden sollten, konnten wir nicht ahnen. Nach einer kurzen Mittagsrast im Zentrum von Nijmegen, wo eine Radioreportage über unsere Tandemfreizeit aufgenommen wurde, bummelten wir durch die Stadt. Abschließend besuchten wir die protestantische St. Stephans-Kirche und bestiegen ihren Turm. Auf der Heimfahrt mußten wir noch einmal kräftig in die Pedale treten. Nach dem Abendessen wanderten viele von uns zu einem Heldenfriedhof. Tief betroffen von den Hunderten von Gräbern meist junger Männer kehrten wir ins Schloß zurück.

Der Freitag brachte zwei Höhepunkte. Zuerst fuhren wir nach Groesbeek zu einer Windmühle, die heute noch in Betrieb ist. Mit Hilfe unserer allgegenwärtigen sehenden Begleiter kletterten wir von Etage zu Etage und erkundeten so die Teile und Funktion einer Windmühle.
Danach ging es weiter zur Familie Huys, wo wir alle beim Mittagessen zu Gast waren. In einem riesigen, gemütlichen Wohnzimmer kredenzte uns Toni (Frau von Frans) Gemüsesuppe, Pudding, Kuchen und Kaffee. Anschließend fühlten wir uns in Haus und Hof wie zu Hause. Bei einem Rundgang lernten wir die vielen vier- und zweibeinigen Lieblinge der Familie kennen. Bei Bonita, einem jungen Islandpony, war es wohl bei den meisten Liebe auf den ersten Blick. Am Abend gab es im Schloß köstliche chinesische Küche, für die Jans Schwester verantwortlich war. Hierauf setzten wir uns auf der Terrasse des Schlosses zusammen und zogen ein erstes Resümeé über die Tandemwoche.

Sieht man von wenigen harmlosen "Absitzern" ab, war die Veranstaltung unfallfrei verlaufen. Einige Reifenpannen waren von unseren "Technikern" Marcel und Leo im Handumdrehen behoben worden. Kritisiert wurden nur die schlecht funktionierenden Duschen, ansonsten hatten alle nur Positives zu vermelden.

Auch am letzten Tag schwangen wir uns auf unsere Tandems und fuhren natürlich nicht auf dem kürzesten Wege - zum Hof der Familie Huys, wo wir uns von unseren Drahteseln trennen mußten und in Autos zum Schloß zurückgebracht wurden. Dort erwartete uns bereits eine üppige Grillmahlzeit, die uns die nötigen Energien fürs Packen und für die lange Heimfahrt verliehen.

In Kranenburg fiel es uns dann schwer, sich von den holländischen Freunden zu trennen, die über eine Woche lang in völlig uneigennütziger Weise und mit viel Humor dafür gesorgt hatten, daß diese Tandemfreizeit zu einem wunderschönen Erlebnis für uns alle wurde.

Maria und Franz Griesbacher, Graz (blind)