zur Navigation Inhalt überspringen Tandemfreizeit Holland - 12. bis 22. Juni 1985

Seinen Urlaub plant man bei den seltsamsten Anlässen, und so ging es auch mir mit dieser Tandemfreizeit. Überhaupt aufmerksam darauf machte mich Ida, eine frühere Schulkameradin, die selbst schon so eine Freizeit mitgemacht hatte. Wir trafen uns zufällig auf einem Seminar im Sauerland und sprachen bei einem gemütlichen Glas Bier einfach so über den Urlaub, wobei Ida die Möglichkeit der Tandemfreizeit erwähnte und in mir gleich ein kräftiges Feuer dafür entfachte. Wieder vom Seminar zurück, meldete ich mich sofort an und hatte das große Glück, noch ein Plätzchen zu erwischen. Vom Zeitpunkt der Bestätigung an zählten Ida und ich praktisch die Tage, bis es endlich so weit war!

Da meine Eltern sich erboten hatten, uns beide per Auto nach Holland zu bringen, kam Ida am Abend des 12. Juni zu uns, und ich muß ehrlich zugeben, daß mich das Reisefieber in dieser Nacht nicht mehr allzu viel schlafen ließ.

Der erste Eindruck, der sich mir bleibend eingeprägt hat, gehört noch zur Autofahrt nach Holland an diesem Donnerstag, den 13. Juni. Entsprechend war nämlich auch das Wetter: ein wolkenbruchartiger Regen, mit dem uns der Kohlenpott in Richtung Niederlande entließ. Du lieber Himmel, das war wie ein Brausebad mit defekter Dichtung, was da von oben kam. Ida und ich waren heilfroh, daß wir im trockenen Auto saßen, obwohl für Vater die Fahrt alles andere als gemütlich war.

Natürlich hatte ich Ida ordentlich ausgefragt, was sich auf solch einer Freizeit denn so tun würde; schließlich war ich ja Frischling auf diesem Gebiet, und obwohl mir Ida einiges erklärt hatte, war ich doch gespannt wie ein Flitzebogen, als wir, inzwischen wieder bei trockenem Wetter, endlich in Holland ankamen. Bestimmt nie vergessen werde ich Ida's Satz: "Warte mal ab, am ersten halben Tag wird's dir vielleicht etwas komisch vorkommen, aber danach willst du gar nicht mehr weg!" Ehrlich, ich hatte so meine Zweifel, und ich hatte auch ganz schönes Herzbubbern, als wir in den Raum kamen, wo die österreicher und die Holländer schon versammelt waren. Daß Ida gl ei ch von eini gen Bekannten als alter Hase begrüßt wurde, machte die Sache für mich nicht leichter; aber ich hatte mir fest vorgenommen, erst einmal alles auf mich zukommen zu lassen und heute gebe ich unumwunden zu: Ida hatte mit ihrer Prophezeihung voll ins Schwarze getroffen, denn schon nach dem ersten gemeinsamen Sparziergang an diesem Nachmittag kam ich mir vor wie in einer großen, herrlichen Familie. Klar, es war immer noch nicht ganz leicht, die richtigen Stimmen den richtigen Leuten zuzuordnen, aber das würde sich schon geben. Überhaupt keine Schwierigkeiten allerdings hatte ich damit bei unserem Urtiroler Leo. Genauso habe ich mir einen echten Tiroler Naturburschen immer vorgestellt.

Spätestens jetzt aber muß ich erst einmal erwähnen, daß wir von Franz, Jan und Gerd, den holländischen Organisatoren, sehr sehr herzlich empfangen wurden. Ich merkte sofort: die haben die Sache im Griff, und das will bei einer Jugendherberge schon etwas heißen. Apropo Jugendherberge: Solch ein Gebäude kannte ich bis zu diesem Tag auch nur von aussen, aber hier in Doorwerth war ich eigentlich doch ganz angenehm überrascht.

Überrascht, ja, ich möchte sogar sagen, total fasziniert hat mich die nahezu schon traumwandlerische Sicherheit unserer sehenden Piloten auf den Tandems, und das gilt rundweg für alle Touren, die wir machten. Ich besitze zu Hause selbst ein Tandem und weiß daher, wie schwierig es für einige Leute ist, wenn sie zum Erstenmal auf so einem Gefährt sitzen. Genauso ging es vielen unserer Piloten, und alle erledigten ihre Aufgabe mit Bravour. Auch Gerd, mit dem ich den "Prolog" und die ersten vier Etappen fuhr, saß zum Erstenmal auf einem Tandem; aber er fuhr, als hätte er jahrelang nichts anderes gemacht. Leo und Ida wußten schon nach fünf Kilometer des "Prologs", was ein "Patschn" ist, er sollte nicht ihr einziger bleiben.

Leider regnete es bereits auf unserer ersten, 40 km langen Etappe am Freitag ziemlich stark, jedenfalls die ersten zwei Stunden, was aber der Stimmung unter uns überhaupt keinen Abbruch tat. Als wir meinten, jetzt seien wir naß genug, fuhren wir eine Kneipe an, wo Glühwein und Tee uns wieder trockneten und wärmten (fast wie in den Bergen).

Alle zwei Tage stand das Spiel Jugendherbergswechsel auf dem Programm, was eigentlich besser funktionierte, als ich gedacht hatte; hätten uns allerdings die sehenden Freunde nicht so ungemein mit ihrer tatkräftigen Hilfe unterstützt, na, ich weiß nicht, ob das alles auch dann so glatt gelaufen wäre.

Ein ziemlich dummes Gesicht hab' nicht nur ich dann auf der zweiten Etappe am Samstag gemacht, als das Feld plötzlich in zwei Gruppen gesprengt war. An einer Ampel waren durch einen Übermittlungsfehler plötzlich 13 Tandems für uns weder zu sehen noch zu hören. Unglücklicherweise ging's an diesem Tag auch noch nach Apeldoorn, also in eine neue Jugendherberge; zum Glück hatten wir jedoch noch Gerd bei uns, der uns auf unseren drei übriggebliebenen Tandems gut zwei Stunden vor der restlichen Mannschaft heil und unversehrt an unser Ziel führte. Das war eine Wiedervereinigung, als die anderen ankamen!

Wer mich kennt, weiß, daß ich gerne esse und ab und an auch mal ein Gläschen trinke. Ich möchte deshalb sagen, daß beides überall sehr gut und reichlich war; insbesondere bin ich es wohl dem Bruno und dem Gerhard, zwei meiner österreichischen Freunde, schuldig, daß ich hier wenigstens ganz kurz das wirklich äußerst delikate Reisfleisch mit Erdnußbuttersoße erwähne, das wir am Samstagabend in der Jugendherberge von Apeldoorn bekamen. Nun kann sich jeder überlegen, wieviel wir weggeputzt haben.

Zwei Dinge habe ich vom Sonntag besonders in Erinnerung behalten: Das ist zum einen die Kirche in Apeldoorn, in der uns von unseren sehenden Freunden aber auch wirklich fast alles ganz wunderbar erklärt und gezeigt wurde; der Pfarrer hat während der Messe sogar deutsch gesprochen, und Ida und ich haben nach der Messe die Orgel spielen dürfen, und zum anderen ein zehnminütiger Platzregen am Nachmittag, wie ich noch nie einen erlebt habe. Natürlich trug ich ausgerechnet an diesem Tag eine kurze Hose - schließlich war es morgens schön warm -, und natürlich gab auch ausgerechnet bei diesem Platzregen der Reißverschluß meines Anoraks seinen Geist auf; aber auch hier sprang ein Österreicher in die Bresche: Odo lieh mir seinen Gummiumhang; ich hätte sonst ganz schön alt ausgesehen.

Wer noch nie in einer Jugendherberge mit fast 30 Mann in einem Raum übernachtet hat, dem kann ich das nur empfehlen. Es ist eine echt heiße Angelegenheit und mit Sicherheit nie langweilig; dafür sorgen schon die unterschiedlichen Schlafengehzeiten. Mein lieber Schwan, was war da manchmal los! Den Kampf um die vorhandenen zwei Duschen hätte ich mir allerdings wesentlich schlimmer vorgestellt.

Vom Montag ist mir eigentlich nur das durch den viel zu kleinen Sattel sehr arg strapazierte Hinterteil unseres Feichtl - Franz Kirnbauer mit christlichem Taufnamen - in Erinnerung. Ein Radwechsel und vor allem Salbe linderte da genauso den Schmerz wie bei Gerhards Knie, das ihm beim Fußballspielen wohl einen kleinen Streich gespielt hatte.

Die Fahrt nach Elburg am darauffolgenden Tag, dem Dienstag also, muß ebenfalls erwähnt werden. Die Führung durch diese kleine, alte Stadt mit einem teilweise sagenhaften Kopfsteinpflaster hat mir sehr gut gefallen, und unsere Sehenden entpuppten sich wieder einmal als ideale Führer. Stark war auch am Nachmittag die Besteigung des Kirchturms in Elburg. Das war vielleicht ein Erlebnis!
Manchmal führten die ausgetretenen Steinstufen ziemlich steil hoch, so daß ich mir wie auf einer kleinen Bergbesteigung vorkam, und ein anderes Mal war wieder das Gewölbe niedrig wie in einer Klamm, so daß ich den Kopf einziehen mußte. Irgend jemand soll sogar seine am Mittag in einem Pfannkuchenhaus erhaltene Rechnung als Souvenier auf dem Kirchturm in Elburg gelassen und diese zwischen Blitzableiter und Mauerwerk gesteckt haben; wer das wohl war ...
Die Rückfahrt von Elburg nach Oldenbroek, wo wir inzwischen wohnten, wurde zu einem einzigen kleinen Rennen. Ich hatte an diesem Tag zum Erstenmal den Piloten getauscht und fuhr mit Leo, und wir zwei lieferten uns ein heißes Duell mit Vroni und Ida, das unentschieden ausging. Ein paar Nimmermüde, ich eingeschlossen, hatten an diesem Tag noch nicht genug Radl gefahren, und so starteten vier Tandems unter Führung von Gerd um acht Uhr am Abend noch zu einer kleinen Nachtfahrt. Das war das reinste Querfeldeinfahren, aber lausig Spaß hats gemacht. Klar, daß anschließend alle reif für die Dusche waren, und danach setzten wir uns gemütlich in der Bar zusammen, um Franz Mittermeiers 50. Geburtstag zu feiern.

Am Mittwoch stand für mich wieder ein Pilotenwechsel an. Ich fuhr jetzt mit Vroni, der "wildesten Frau von ganz Österreich", wie wir sie ihres temperamentvollen Wesens wegen gerne nannten. Für mich war das eine Mordsgaudi! Nach der Mittagsrast wurde erneut ein kleines Rennen veranstaltet, wobei zwischen Marcelle und Holger als erstem Paar am Ziel und den Letzten immerhin ein Zeitunterschied von 16 Minuten zustandekam. Leo fuhr inzwischen mit Ida, aber an diesem Tag kam er nicht so oft zu seinem berühmten "Gas, Gas, Gas!"-Anfeuerungsrufen. Wir wollten den beiden schon den goldenen Fahrradschlauch überreichen, so viele Patschn fuhren sie an diesem Tag zusammen, aber es konnte ja nichts passieren, denn Jan fuhr immer im Rotkreuzbus mit, und wenn wirklich mal mit Mensch und Material was nicht in Ordnung war, wurden beide in den Bus gepackt und im nächsten Ort Ersatzteile geholt, natürlich nur für das Material.

Die Jugendherberge in Putten an diesem Abend war ein kleiner Reinfall, aber es ist ja auch nicht interessant, wenn immer alles glattgeht. Die Stimmung unter uns blieb jedenfalls ganz prima. Da die Jugendherberge in Putten nicht gerade das Wahre war, hatte der Holland-Franz uns für den nächsten Tag mit Glück wieder in Apeldoorn einquartieren können. Das erneute Wechseln der Jugendherberge löste zwar am Donnerstagmorgen einige Hektik aus, aber auch die ging vorüber. Wir fuhren also nach Apeldoorn zurück, kauften da noch etwas ein und rüsteten zur letzten Nacht.

Die letzte Nacht in Holland war, wie letzte Nächte sein müssen: ein einziges Chaos! Bettwäsche war zusammengenäht und Pyjamas waren versteckt worden, einige Leute wurden voll bekleidet unter die Dusche gesteckt, andere hatten Zucker im Bett, kurz: Es war richtig was los, aber keiner nahm irgend etwas dabei krumm, und das ist bei einer solch großen und auch vom Alter her so unterschiedlichen Gruppe ja auch nicht immer so.

Böse überraschung am nächsten, dem letzten Morgen: Vroni und Marcelle hatten am Vorabend die Luft aus allen Vorderreifen gelassen. Na, das war vielleicht ein Aufpumpen! Und Leo's und Ida's Rad hatten die beiden Unholde in meisterhafter Kleinarbeit sogar an der Decke befestigt. Die Fahrt selbst am letzten Tag war erneut ein einziges großes Rennen, du liebe Zeit, was haben wir alle 'reingetreten und gebolzt! Was die Vroni mit ihren knapp 17 Jahren auf dem Radl brachte, war einfach super und ich hab sie oft als Konditionswunder bezeichnet. Mensch, was würde mir das ab dem nächsten Tag fehlen! Auf der Schlußetappe hab ich erstmal gemerkt, was alles in meinem Körper drinsteckt. Vroni hat man bei der Mittagsrast zu allem Überfluß auch noch die Schuhe geklaut, sodaß sie barfuß weiterfahren mußte, aber das machte ihr nichts aus, die Leute aus 'm Mühlviertel sind schließlich hart. Wir haben unser Rad so strapaziert, daß es acht Kilometer vor dem Ziel aus irgendeiner Stelle zu pfeifen angefangen hat. Ich sah uns schon mit geplatztem Reifen irgendwo liegen, aber das Radl hielt und wir auch. Ich muß und möchte an dieser Stelle noch einmal sagen: Unsere österreichischen und holländischen Piloten sind mit ihrer Fahrweise alle tour-de-france-verdächtig gewesen.

Es war ein verflixt blödes Gefühl, als wir die Räder das Letztemal in den Schuppen der Jugendherberge von Doorwerth brachten, wo wir gestartet waren, und wo auch jetzt unser Ziel war. Es packte uns jetzt doch arg die Wehmut, denn es ging langsam aber sicher ans Abschiednehmen. Ich glaube, wir wären alle noch gerne in Holland geblieben, aber das war ja leider nicht mehr möglich. Wie hatte mir diese Woche gefallen, und wie viele neue Freunde hatte ich kennengelernt! Bei dem kleinsten Problemchen standen uns die sehenden mit Rat und Tat zur Seite. Wenn es irgend etwas zu zeigen gab, unter anderem auch auf den herrlichen Spaziergängen nach dem Abendessen, haben sie es uns gezeigt. Eine echte Bombenkameradschaft hatte unter uns geherrscht, es konnte sich einfach jeder auf den anderen verlassen. Auch organisatorisch war fast alles prima gelaufen. Hier möchte ich besonders nochmal die holländische Gastfreundschaft loben. Das war eine Woche gewesen, von der ich noch jahrelang zehren werde.

Es waren schon sehr rührende Szenen, als meine Eltern, die Ida und mich wieder zurück nach Deutschland bringen wollten, nach dem Abendessen uns zwei zum Aufbruch mahnten und wir uns von allen verabschiedeten. Wie würde ich alle vermissen: Die Gabi, Vroni, Anni, Maria, Heidi, den Bruno, Gerhard, Franz Mittermeier, unsere vier holländischen Freunde, Leo natürlich, und nicht zuletzt auch Feichtl und sein einfach hervorragendes Gitarrenspiel. Bloß gut, daß Ida von der Woche Bandaufnahmen gemacht hat.

Es ist, finde ich, für uns einfach ein großes Glück, daß es Pater Lutz und sein Team gibt, ohne die alle diese herrliche Freizeit nie zustandegekommen wäre. Eines war für mich klar, als ich die Gruppe verließ: So sehr ich die Leute auch jetzt vermißte, so sehr würde ich im nächsten Jahr auf ein Wiedersehen, vielleicht bei einer neuen Tandemfreizeit, hoffen. Das war meine erste Freizeit, aber mit Sicherheit nicht meine letzte. Abschließend kann ich nur eines sagen: Ein Dankeschön an Pater Lutz und an alle, die die Woche in Holland für mich zu dem werden ließen, was sie war: eine unvergeßliche Zeit!

Hans-Jürgen Szary, BRD (blind)

Leitung: Franz Huys
Geistliche Begleitung: Dr. Ingrid Roßbacher