zur Navigation Inhalt überspringen Bergwandern und Bergsteigen in Innichen / Südtirol
vom 26. Juni bis 04. Juli 1993

Meine ehemalige Schülerin, die erblindete Gertraud, lädt mich zur Teilnahme an einer Bergwanderwoche für Blinde ein. So stoße ich - allerdings erst zwei Tage später - in Innichen zur Gruppe. Der Pensionsinhaber, ein Berufskollege, begrüßte mich gleich mit besonderer Freundlichkeit. Er führt mich in die Gepflogenheiten des Hauses ein. Eine erste Woge von Vertrauen umfängt mich.

Zum Abendessen kommen die Gruppen von einer ausgedehnten Wanderung zurück. Vom Fischleintal waren sie zur Oberbachernspitze aufgestiegen. Im Liegen hatten sie dort an der Felskante den gewaltigen Absturz ins Altensteintal erahnt. Der Eindruck ist Nachhaltig. Rudi, der Leiter der Gruppe, stellt mich vor. 26 neue Freunde sich zu merken, etwas viel verlangt auf ein Mal! Wir kommen uns überraschend schnell näher. Ich fühle mich gleich angenommen. Gedanken zum Tagesablauf und ein Gebet stehen am Beginn des gemeinsamen Mahles. Servieren und Spülen erledigt die Gruppe. Die Sehenden betreuen die Blinden bei Tisch.

Am Morgen holt uns die Melodie einer Mundharmonika aus dem Schlaf. Der blinde Günther beherrscht sein Instrument so gut, daß er auch beim Abstieg von den Strudelköpfen unsere Berglieder begleiten kann. Auf dem Gipfel hatte Gerhard zum Feste Peter und Paul die Hl. Messe gelesen. Im abschliessenden "Großer Gott" - im Kreise gesungen - war Dankbarkeit und tiefes Gottvertrauen zum Ausdruck gekommen.

Im Banne der Drei Zinnen bezwingt eine Gruppe die fast dreitausend Meter hohe Schusterplatte. Die restlichen Teilnehmer genießen das Gipfelglück auf dem hüttennahen Sextenstein. Über dem geschichtsträchtigen Plateau könnte man stundenlang grübeln. Die Fähigkeit zum friedlichen Zusammenleben auf der Erde wird wohl eine Sehnsucht der Menschheit bleiben. Dann klettern noch ein paar Unentwegte auf den Toblinger Knoten. Der erblindete Karl ist mit von der Partie. Während des Abstieges drängt sich mir ernstlich die Frage auf: "Sind wir dabei, die Grenze des Verantwortbaren zu überschreiten?" Alle haben aber schließlich den Bergtag hei! überstanden. Die abschließende Erfrischung beim Fruchtbecher am Toblinger See vereint glückliche Freunde.

Am Monte Piano-Plateau sind sich im Ersten Weltkrieg Italiener und Österreicher gegenübergestanden, Dieses denkwürdige Plateau soll auf drei Routen erstiegen werden. Der Bilgeri-Klettersteig wird zum eindrucksvollsten Erlebnis. Wir Begleiter staunen über den Grad des Möglichen und die Größe des Vertrauens in unsere Führung. Exakte Beschreibung der Bewegungsabfolge, ein waches Auge auf die Absicherung der Empordrängenden und die Rücksichtnahme auf die Leistungsfähigkeit lagen in unserer Verantwortung. Die glücklichen Minuten beim Aufstieg für Begleiter und Geführte will ich noch lange in Erinnerung behalten.

Die Hausherrn-Tour um den türkisfarbene Sorapis-See mit der "Nachmittagsdusche" auf dem Weg zurück zum Tre-croci-Paß sowie der Weg auf das Haunoldköpfl runden die Wanderwoche ab. Blumenreiche Gefilde werden auch den Blinden immer wieder zum Erlebnis: Im Ahnen, Vergleichen; Betasten und Beriechen der "kleinen Sonnen der Schöpfung" kann unendlich viel Kraft und Glaube an die Natur und ihren Schöpfer liegen.

Zum Klange von Roberts Hackbrett und Zillis Gitarre singen wir abends Lieder und geben Lustiges zum besten. Besondere Vorkommnisse sind gereimt festgehalten. Mit dem Vorsatz, im nächsten Jahr wiederzukommen, wird schließlich in bewegender Herzlichkeit Abschied genommen.

Alois Grabenberger
(sehend), Oberösterreich